In Watte gepackt: Wenn Liebe Kinder schwächt
💚 Warum ich diese Reihe schreibe
In meiner Arbeit mit Kindern begegnen mir ganz unterschiedliche Situationen:
Manche stehen unter starkem Leistungsdruck – sei es durch Schule, sich selbst oder ihr Umfeld.
Andere werden liebevoll umsorgt – so sehr, dass ihnen vieles abgenommen wird.
Beides geschieht meist aus Liebe. Und beides kann – wenn es zu viel wird – zur Herausforderung werden.
Mit dieser Blogreihe möchte ich dich als Mutter oder Vater nicht kritisieren.
Ich möchte dich einladen, hinzuschauen.
Vielleicht ist es ein leiser Gedanke, der beim Lesen auftaucht. Vielleicht eine Erinnerung. Oder einfach nur ein Perspektivwechsel.
Ein Schritt zurück, um das grosse Ganze zu sehen:
Wie geht es meinem Kind wirklich?
Und wie geht es mir damit?
Ich darf in meiner Praxis viele Eltern begleiten, die unglaublich feinfühlig und reflektiert sind. Eltern, die mitdenken, mitfühlen, die auch bei sich hinschauen.
Für ihre Kinder ist das so, so wertvoll.
Denn immer wieder erlebe ich:
Wenn nicht nur das Kind begleitet wird, sondern auch die Eltern bereit sind, sich zu entwickeln, wird Veränderung oft viel schneller spürbar. Und nachhaltiger.
Mit dieser Reihe möchte ich dich nicht bewerten.
Sondern dich bestärken.
In deinem Mitdenken. In deinem Mut zur Veränderung. Oder auch einfach in deinem Gefühl:
„Ich darf meinem Kind etwas zutrauen – auch wenn es manchmal schwer wird.“
In Watte gepackt – wenn Liebe Kinder schwächt
„Ich möchte einfach, dass es meinem Kind gut geht.“
„Ich will es vor allem bewahren, was mir früher wehgetan hat.“
So viele Eltern handeln aus tiefem Mitgefühl. Aus Liebe.
Und manchmal entsteht daraus – ganz ungewollt – ein Schutzmantel, der vielleicht zu eng wird.
Eine Art Watte, die alles abfedert: Frust, Konflikte, Misserfolge.
Kinder sollen sich wohlfühlen, frei entfalten, nicht überfordert werden.
Das ist verständlich.
Aber es könnte sein, dass genau dieser Schutz dem Kind auf lange Sicht etwas nimmt, das es für sein Leben dringend bräuchte.
💬 Wenn Herausforderungen ausbleiben
Ein Kind, das kaum erlebt, dass etwas schwierig ist, bekommt vielleicht nicht die Gelegenheit, mit Herausforderungen umzugehen.
Ein Kind, das selten mit Frust in Berührung kommt, hat möglicherweise wenig Übung darin, ihn zu verarbeiten.
Ein Kind, das kaum scheitern darf, könnte sich selbst kaum als lernfähig erleben.
Es ist gut möglich, dass es dadurch an innerer Spannkraft verliert – an der Fähigkeit, mit Unsicherheit, Widerstand oder Konflikten umzugehen.
Manche nennen das Resilienz. Ich persönlich spreche lieber von Prosilienz – der Fähigkeit, nicht nur zurück ins Gleichgewicht zu finden, sondern mit jeder Herausforderung innerlich zu wachsen.
Aber eigentlich ist das Wort gar nicht so entscheidend.
Wichtig ist:
Ein Kind, das merkt:
„Das war schwer – aber ich hab’s geschafft“,
geht vielleicht mit einem anderen Vertrauen durchs Leben.
Ein Kind, das ständig abgeschirmt wird, könnte dieses Vertrauen nie richtig aufbauen.
💡 In meinem Podcast erzähle ich mehr über diesen Begriff – und wie Kinder wie Bäume wachsen dürfen: mit starken Wurzeln und grossen Flügeln. Vielleicht magst du reinhören. Spotify- Folge
⚡ Warum Kinder auch Stress brauchen – ein Blick auf den Sympathikus
Wenn wir an Stress denken, haben viele sofort etwas Negatives im Kopf. Aber es gibt auch den guten Stress – den, der uns wachsen lässt.
Er hilft Kindern, sich zu fokussieren, etwas auszuprobieren, auch mit Anstrengung umzugehen.
Im Nervensystem wird dieser Zustand durch den Sympathikus aktiviert – ein Teil, der den Körper in Bewegung bringt: Herzschlag, Konzentration, Muskeln aktivieren sich.
Wenn Kinder zu wenig Gelegenheit haben, diesen Teil zu erleben – weil ihnen alles abgenommen wird oder weil jede Anstrengung vermieden wird –, könnte es sein, dass ihnen genau diese Erfahrung fehlt:
Ich kann etwas schaffen. Ich halte das aus.
Natürlich soll kein Kind dauerhaft unter Stress stehen.
Aber kleine, zumutbare Herausforderungen sind wie Trainingsimpulse fürs Nervensystem.
Und wenn ein Kind sie meistern darf – begleitet und in seinem Tempo –, dann wächst es. Schritt für Schritt.
🔍 Was Eltern dabei oft nicht sehen
Viele Eltern haben selbst erlebt, wie hart das Leben manchmal war.
Sie mussten stark sein, durften nicht weinen, hatten niemanden, der sie auffing.
Kein Wunder, wollen sie es jetzt besser machen. Weicher. Mit mehr Wärme.
Das ist verständlich. Und wertvoll.
Aber vielleicht – ganz vielleicht – wird das Pendel dann manchmal zu weit in die andere Richtung geschwungen.
Und das Kind bekommt nicht die Chance, auch eigene Erfahrungen zu machen.
Sich zu reiben. Zu fallen. Und wieder aufzustehen.
🧭 Fragen zur Selbstreflexion
🧡 Was wünsche ich mir für mein Kind?
• Dass es nie kämpfen muss?
• Oder dass es erlebt: Ich kann mich auch schwierigen Situationen stellen?
🧠 Wie gehe ich mit Frust um – meinem und dem meines Kindes?
• Darf mein Kind wütend sein, traurig, enttäuscht – ohne dass ich es gleich „retten“ muss?
💬 Was würde sich verändern, wenn mein Kind öfter erleben dürfte:
„Das war schwierig – aber ich habe es geschafft.“
🌱 Mut zum Zutrauen
Manchmal ist das Leben einfach kein Ponyhof.
Und das ist auch in Ordnung so – denn unsere Kinder werden eines Tages ohne uns in dieser Welt stehen.
In der Schule, im Beruf, im Alltag – da kann niemand für sie alles richten.
Doch wenn wir ihnen heute schon etwas zutrauen, können sie lernen, für sich selbst einzustehen.
Sie können entdecken, dass sie Herausforderungen meistern, Fehler überstehen und daran wachsen können.
Auch unsichere Kinder dürfen lernen, mutig zu sein – in ihrem Tempo, auf ihre Weise.
Und ja:
Das braucht manchmal Mut – auch von uns Eltern.
Mut, die eigenen Sorgen beiseitezustellen.
Mut, das eigene Kind loszulassen.
Mut, daran zu glauben, dass es das schaffen kann.
Denn Kinder spüren das.
Ob wir an sie glauben – oder nicht.
Und wenn wir es tun, dann geschieht oft etwas Wunderbares:
Sie wachsen über sich hinaus.
Und wir dürfen staunend danebenstehen.
🔜 Ausblick: Der gesunde Mittelweg
Druck kann überfordern.
Watte kann lähmen.
Beides geschieht meist aus Liebe – aber oft fehlt das Gleichgewicht.
Im nächsten Teil dieser Reihe zeige ich, wie Kinder wachsen dürfen:
zwischen Halt und Herausforderung,
zwischen Vertrauen und Verantwortung.
👉 Teil 4: Der gesunde Mittelweg – Wie Kinder stark werden dürfen
Und denk daran:
Starke Wurzeln tragen grosse Flügel.
Kathrin Senn