Coole Jungs – wenn Coolness zur Schutzstrategie wird
Jungen im Spannungsfeld – Nervensystem, Schule und Rollenbilder
„Es ist alles gut.“
Diesen Satz höre ich oft.
Von Jungen. Und manchmal auch von Lehrpersonen.
Wenn ich frage, wie es läuft, kommt selten ein „Nicht so gut.“
Viele Jungen erklären nicht, dass sie überfordert sind. Sie benennen keinen inneren Druck. Sie kommen nicht mit einem klaren Problem.
Und doch sitzen sie später bei mir in der Praxis.
Nicht, weil sie selbst sagen würden, dass etwas nicht stimmt.
Sondern weil ihr Umfeld merkt, dass die Spannung steigt.
Was nach aussen funktioniert, kann innerlich enorm viel Kraft kosten.
In meinem Praxisalltag in Elsau beobachte ich verschiedene Wege, wie Jungen mit diesem inneren Druck umgehen. Manche passen sich stark an. Manche balancieren zwischen Leistung und Coolness. Manche gehen in offenen Widerstand.
Diese Blogreihe beleuchtet diese unterschiedlichen Strategien – und den gemeinsamen Kern dahinter: ein Nervensystem, das versucht, Sicherheit herzustellen.
Parallel dazu wird es eigene Beiträge zu Mädchen geben. Denn auch sie reagieren – oft leiser.
In dieser Reihe jedoch geht es zunächst um Jungen. Um das Spannungsfeld zwischen Sensibilität, Stärke und den Rollenbildern, die wir alle in uns tragen.
Dies ist Teil 2 meiner Blogreihe über Jungen.
In diesem Beitrag geht es um coole Jungs, die nach aussen stark wirken und ihre Unsicherheit oft hinter Coolness verstecken.
Im ersten Beitrag ging es um sensible Jungs, die ihre Spannung eher nach innen tragen.
▸Sensible Jungs – wenn Druck nach innen geht
Und dann gibt es noch jene Jungen,
die diese Balance irgendwann verlieren – und kämpfen.
▸Kämpfende Jungs – wenn Sensibilität kämpfen muss
Coole Jungs – wenn Coolness zur Schutzstrategie wird
Viele Eltern kennen genau solche coolen Jungs:
cool nach aussen, schnell mit einem Spruch – und trotzdem spürt man, dass mehr dahinter steckt.
Er sitzt breitbeinig vor mir.
Lässig. Grinsend.
Die Eltern neben ihm sitzen angespannt da. Kurz zuvor kam ein Telefon aus der Schule.
„Er hat es eigentlich nicht nötig“, hiess es.
„Er ist intelligent. Aber er stört. Ruft dazwischen. Mischt sich ein. Macht Witze im falschen Moment.“
Ich frage ihn, wie es läuft.
Er zuckt mit den Schultern.
„Alles gut.“
Nicht leise. Nicht unsicher.
Sondern überzeugt.
„Ich habe kein Problem.“
In der Schule: ein Balance-Spiel
Dieser Junge ist nicht überfordert.
Er versteht den Stoff, ist sozial integriert, und viele Kinder finden ihn cool. Er zerstört keinen Unterricht und sprengt keine Strukturen. Aber er spielt mit der Grenze.
Ein Kommentar zu viel.
Ein Witz im falschen Moment.
Ein provokanter Blick oder ein bewusstes Dazwischenrufen.
Er weiss ziemlich genau, wie weit er gehen kann.
Lehrpersonen sagen oft denselben Satz:
„Er könnte so viel mehr.“
„Er hat es nicht nötig.“
Und genau hier beginnt das eigentliche Thema.
Vielleicht hat er es eben doch nötig.
Nicht wegen der Leistung, sondern wegen Zugehörigkeit.
Viele dieser coolen Jungs sind nicht überfordert.
Sie verstehen den Stoff, sind sozial integriert und viele Kinder finden sie sogar besonders beeindruckend.
In vielen Klassen ist Coolness eine soziale Währung.
Nicht zu brav sein. Nicht Streber sein. Nicht zu weich wirken.
Er balanciert.
Zwischen Können und Image.
Zwischen Leistung und Status.
Zu Hause: zwei Gesichter
Zu Hause erleben Eltern oft etwas anderes.
Manchmal wirkt er überheblich.
„Mir ist doch egal.“
„Ich schaffe das sowieso.“
„Ist doch lächerlich.“
Er kann frech sein, abwertend oder provozierend.
Und dann – plötzlich – kippt etwas.
Er sucht Nähe.
Setzt sich dicht daneben.
Wird weich.
Wird klein.
Wird empfindlich.
Eltern spüren sofort:
Das hier ist mein Kind.
Das ist sein Kern.
Und gleichzeitig kommt die Verzweiflung:
„Warum musst du in der Schule so sein?“
„Du hättest es doch nicht nötig!“
Dieses Hin und Her wirkt widersprüchlich. Doch es ist kein Schauspiel.
Es ist ein Schutz.
Wie ich ihn in der Praxis erlebe
Auf der Liege beginnt er oft zu lachen.
Er macht Witze, sagt sein Bauchnabel sei am Kopf, rollt herum oder versteckt sich halb unter der Decke. Manchmal erwähnt er beiläufig, dass er ja auch gehen könnte.
Aber er geht nicht.
Er testet.
Wie ernst meinst du es mit mir?
Bleibst du ruhig?
Bleibst du klar?
Bleibst du bei mir?
Lange hatte ich in meiner Gefühlsmonster-Sammlung eine Figur, die sich hämisch die Hände reibt – mit einem orangefarbenen Hintergrund. Sie steht für Überlegenheit. Für „Ich habe alles im Griff.“
Ich habe sie bei den Jungen bewusst entfernt.
Nicht, weil sie falsch wäre.
Sondern weil ich gemerkt habe, wie attraktiv diese Rolle ist.
Viele dieser Jungen möchten genau so wirken: überlegen, unantastbar, cool.
Doch irgendwann – wenn der Rahmen hält – kommt ein anderer Moment.
Ein ehrlicher Blick.
Eine kleine Unsicherheit.
Ein Satz, der nicht mehr ironisch gemeint ist.
Was unter der Coolness liegt
Es geht selten um Schulstoff.
Es geht um Status.
Um Fragen wie:
Bin ich dabei?
Werde ich respektiert?
Bin ich zu brav?
Bin ich zu weich?
Nicht cool zu sein kann sozial teuer werden.
In solchen Momenten entscheidet sich ein Kind fast immer für das, was Sicherheit verspricht. Und Sicherheit bedeutet oft: dazugehören.
Viele dieser coolen Jungs sagen genau diesen Satz:
„Es ist alles gut.“
Aber manchmal verteidigt er etwas, das ihm wichtiger ist, als wir denken.
Was diesen Jungen hilft
Diese Jungen brauchen keine härtere Hand.
Sie brauchen Klarheit – ohne Demütigung.
Eltern können Humor nicht sofort als Respektlosigkeit deuten, aber klare Grenzen setzen.
Sie können Echtheit würdigen.
Nicht nur Leistung loben.
Nicht nur Coolness kommentieren.
Sondern auch den Moment sehen, in dem ihr Kind weich wird.
Zum Beispiel mit Sätzen wie:
„Ich sehe, dass du stark sein willst – und ich sehe auch den Teil, der gerade unsicher ist.“
In der Praxis arbeite ich hier viel mit Selbstwert – nicht mit dem Ziel, ihn „braver“ zu machen.
Sondern mit Fragen wie:
Wer bist du ohne Publikum?
Ich arbeite mit Regulation, wenn Kritik kommt.
Mit Stabilität, wenn das Image wackelt.
Es geht darum, dass ein Junge innerlich stabiler wird.
Viele dieser Jungen tragen nach aussen eine Rolle:
Die Rolle des Coolen.
Die Rolle des Unantastbaren.
Diese Rolle gibt Sicherheit – aber sie kostet auch viel Energie.
Sie muss ständig aufrechterhalten werden:
in jeder Pause,
in jeder Situation vor anderen.
Wenn ein Junge beginnt, innerlich stabiler zu werden, verändert sich etwas Entscheidendes.
Er braucht diese Rolle weniger.
Er muss nicht mehr ständig beweisen, dass er stark ist.
Er kann Kritik besser aushalten.
Er kann auch einmal nicht der Coolste sein.
Sein Nervensystem bleibt ruhiger – auch wenn im Aussen Gegenwind kommt.
Und plötzlich wird Energie frei.
Energie, die vorher in Image und Status geflossen ist.
Energie für Lernen.
Für Beziehungen.
Für echtes Selbstvertrauen.
Denn wirkliche Stärke entsteht nicht daraus, immer cool wirken zu müssen.
Sondern daraus, innerlich stabil zu sein – auch wenn gerade niemand zuschaut.
Denn auch hier gilt:
Es braucht Wurzelstark.
Und es braucht Flügelmut.
Und dann gibt es noch jene Jungen,
die diese Balance irgendwann aufgeben.
Die nicht mehr spielen.
Sondern kämpfen.
Um genau diese Jungen geht es im nächsten Teil dieser Reihe.