Die Mädchen, die niemand sieht
Sie sitzt ruhig im Klassenzimmer.
Die Hausaufgaben sind gemacht.
Sie gibt ihr Bestes.
Sie arbeitet sorgfältig, ist freundlich und fällt kaum auf.
Viele Erwachsene würden sagen: „Mit ihr ist alles in Ordnung.“
Doch manchmal stimmt das nicht.
In meiner Praxis begegnen mir immer wieder Jugendliche und junge Frauen, deren Leidensdruck bereits sehr gross geworden ist. Sie leiden unter Ängsten, stehen unter enormem Leistungsdruck, kämpfen mit Erschöpfung, körperlichen Beschwerden oder verlieren zunehmend die Freude an Dingen, die ihnen früher wichtig waren. Manche fehlen immer häufiger in der Schule. Andere funktionieren nach aussen noch erstaunlich gut und brechen erst zu Hause zusammen.
Und immer wieder stelle ich fest, wie überrascht Eltern sind, wenn sie erfahren, wie schlecht es ihrer Tochter tatsächlich geht.
„Warum hast du nichts gesagt?“ Diese Frage höre ich oft.
Und die Antwort ist meist viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.
Ich muss das alleine schaffen
Wenn ich auf die Geschichten vieler dieser Mädchen zurückblicke, entdecke ich einen Satz, der wie ein roter Faden durch ihre Erzählungen läuft:
„Ich muss das alleine schaffen.“
Nicht: „Mir geht es gut.“
Nicht: „Ich habe kein Problem.“
Sondern: „Ja, es ist schwierig. Aber ich muss selber damit fertig werden.“
Viele dieser Mädchen sprechen nur wenig über ihre Sorgen. Sie zeigen ihren Schmerz nicht offen. Sie möchten niemanden belasten. Sie möchten keine zusätzliche Sorge verursachen. Sie möchten stark sein.
Oft erzählen sie ihren Eltern nur einen kleinen Teil dessen, was sie tatsächlich beschäftigt.
Nicht weil sie ihren Eltern nicht vertrauen.
Nicht weil die Eltern nicht interessiert wären.
Sondern weil sie gelernt haben, vieles mit sich selbst auszumachen.
Wenn aus einer Stärke eine Last wird
Das Schwierige daran ist: Diese Haltung entsteht oft aus etwas Positivem.
Viele dieser Mädchen sind verantwortungsbewusst. Sie spüren früh, wenn andere Menschen belastet sind. Sie möchten helfen statt belasten. Sie übernehmen Verantwortung. Sie versuchen Probleme zu lösen, anstatt sie weiterzugeben.
Das sind wunderbare Eigenschaften.
Doch manchmal entsteht daraus eine stille Überzeugung:
„Die anderen haben schon genug um die Ohren.“
„Ich möchte niemandem zusätzliche Sorgen machen.“
„Das schaffe ich schon.“
„Ich muss das alleine schaffen.“
Genau deshalb bleiben Schwierigkeiten oft lange unsichtbar. Denn diese Mädchen kämpfen nicht gegen ihre Umgebung. Sie kämpfen häufig gegen sich selbst.
Die Mädchen, die funktionieren
Viele dieser Mädchen lernen früh, durchzuhalten.
Sie lernen, auch dann weiterzumachen, wenn etwas schwerfällt.
Sie lernen, Erwartungen zu erfüllen.
Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.
Und sie erhalten dafür oft Lob.
Sie gelten als selbstständig, fleissig und zuverlässig. Doch manchmal entsteht genau hier ein Teufelskreis. Je mehr sie leisten, desto mehr wird ihnen zugetraut. Je mehr sie funktionieren, desto weniger merkt jemand, wie viel Kraft das kostet.
Und so wird aus einer Stärke langsam eine Belastung.
Nicht weil Leistung etwas Schlechtes wäre.
Sondern weil das Mädchen immer weniger erlebt, dass es auch Unterstützung bekommen darf.
Die Eltern trifft oft keine Schuld
Viele Eltern spüren irgendwann, dass etwas nicht stimmt. Sie haben ein Bauchgefühl.
Sie merken, dass ihre Tochter angespannter wirkt, schneller gereizt ist oder sich zurückzieht.
Doch oft können sie nicht greifen, wie gross die Belastung tatsächlich geworden ist.
Und genau deshalb möchte ich Eltern an dieser Stelle entlasten. Wie soll man etwas erkennen, das ein Kind mit aller Kraft versteckt?
Wie soll man wissen, wie gross die Not ist, wenn die Noten stimmen, die Hausaufgaben gemacht sind und nach aussen vieles normal wirkt?
Manche Mädchen entwickeln erstaunliche Strategien, um ihre Belastung zu verbergen.
Das macht die Situation für Eltern besonders schwierig.
Die lauten Mädchen
Natürlich gibt es auch Mädchen, die auffallen.
Mädchen, die laut werden, anecken, diskutieren oder sich gegen Regeln auflehnen.
Diese Mädchen werden oft früher gesehen. Sie erhalten deshalb häufig auch früher Unterstützung.
Doch viele Mädchen wählen eine andere Strategie.
Sie kämpfen still.
Sie tragen ihre Sorgen alleine.
Sie versuchen, weiterhin zu funktionieren.
Und genau deshalb bleiben sie oft länger unsichtbar.
Warum viele Mädchen erst später auffallen
In der Primarschule gelingt diese Strategie oft erstaunlich gut. Doch mit der Zeit steigen die Anforderungen.
- Die Schule wird anspruchsvoller.
- Die sozialen Beziehungen werden komplexer.
- Die Berufswahl rückt näher.
- Der Leistungsdruck nimmt zu.
Später kommen Themen wie Selbstbild, Freundschaften, Beziehungen und die vielen Erwartungen hinzu, die junge Frauen heute erfüllen sollen.
Irgendwann wird die Last zu schwer.
Dann erscheinen die Schwierigkeiten plötzlich wie aus dem Nichts. Doch oft waren sie schon lange da.
Niemand hat sie gesehen.
Manchmal nicht einmal die Menschen, die dem Mädchen am nächsten stehen.
Worauf Eltern und Lehrpersonen achten können
Nicht jedes stille oder fleissige Mädchen leidet.
Viele Mädchen sind zufrieden, selbstständig und gehen ihren Weg mit Freude.
Dennoch lohnt es sich manchmal, etwas genauer hinzuschauen.
Besonders dann, wenn ein Mädchen sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellt, Fehler kaum aushält oder sich grosse Sorgen macht, andere zu enttäuschen.
Manche Mädchen erzählen wenig über das, was sie beschäftigt. Sie sagen oft, dass alles in Ordnung sei, obwohl sie innerlich stark unter Druck stehen.
Andere wirken nach aussen fröhlich und angepasst, ziehen sich aber zu Hause zurück, sind schnell erschöpft oder reagieren empfindlich auf Kritik und Misserfolge.
Nicht selten berichten Eltern von einem diffusen Bauchgefühl:
„Eigentlich läuft alles gut. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt.“
Dieses Bauchgefühl verdient Aufmerksamkeit.
Nicht weil automatisch ein Problem vorliegen muss.
Sondern weil ruhige und unauffällige Kinder manchmal genauso Unterstützung brauchen wie die Kinder, die laut um Hilfe rufen.
Manchmal hilft es, weniger auf die Leistungen zu schauen und mehr auf die Frage:
Wie viel Kraft kostet mein Kind das alles eigentlich?
Was diese Mädchen brauchen
Vielleicht geht es gar nicht darum, diese Mädchen möglichst früh zu entlarven.
Vielleicht geht es vielmehr darum, Räume zu schaffen, in denen sie nicht alles alleine tragen müssen.
- Räume, in denen Schwierigkeiten ausgesprochen werden dürfen.
- Räume, in denen Hilfe anzunehmen nicht als Schwäche gilt.
- Räume, in denen nicht nur Leistung zählt, sondern auch das, was hinter der Leistung steckt.
Manchmal beginnt das mit einer einfachen Frage:
- Nicht: „Wie war die Schule?“
- Sondern: „Was war heute anstrengend?“
- Nicht: „Du machst das super.“
- Sondern: „Du musst nicht alles alleine schaffen.“
Mein Wunsch
Ich wünsche mir, dass wir diese Mädchen früher erreichen.
- Nicht erst dann, wenn die Fehlzeiten steigen.
- Nicht erst dann, wenn die Schule kaum noch möglich ist.
- Nicht erst dann, wenn der Leidensdruck unerträglich geworden ist.
- Sondern dann, wenn sie noch lernen dürfen, dass Stärke nicht bedeutet, alles alleine tragen zu müssen.
Mögliche Wege:
- Kinesiologie kann dabei ein möglicher Weg sein.
- Psychotherapie kann ein möglicher Weg sein.
- Eine Vertrauensperson, eine Lehrperson oder eine andere Fachperson kann ein möglicher Weg sein.
Entscheidend ist nicht, welcher Weg gewählt wird. Entscheidend ist, dass kein Mädchen das Gefühl haben muss:
„Ich muss das alleine schaffen.“
Denn oft sind es gerade die stärksten Mädchen, die viel länger viel mehr tragen, als ihre Umgebung ahnt.
Dieser Alltagstipp ist der erste von mehreren Einblicken in ein Thema, das mich in meiner Arbeit immer wieder bewegt.
Viele Mädchen und junge Frauen entwickeln beeindruckende Stärken. Gleichzeitig beobachte ich, dass gerade diese Stärken manchmal dazu führen können, dass Belastungen lange verborgen bleiben.
In den kommenden Beiträgen werde ich weitere Gedanken und Beobachtungen dazu teilen.
Vielleicht hast du beim Lesen an deine Tochter gedacht.
Vielleicht hattest du schon länger das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, konntest es aber nicht richtig greifen.
Vertraue diesem Gefühl.
Wenn du dir Unterstützung für deine Tochter wünschst oder mehr über meine Begleitung erfahren möchtest, findest du hier weitere Informationen. Gemeinsam schauen wir, was sie gerade braucht und wie ich sie einfühlsam begleiten kann.
➡️ Zur Kinesiologie für Kinder & Jugendliche