Warum ich nicht mehr von Resilienz spreche – und was Prosilienz wirklich bedeutet
Es hat mich selbst erwischt
Ich habe in den letzten Jahren oft von Resilienz gesprochen – in Blogbeiträgen, in Workshops, in meinen Podcastfolgen. Ich meinte damit: ein Mensch – ob Kind, Jugendlicher oder Elternteil – erlebt etwas Schwieriges und kommt gestärkt daraus hervor. Doch in einer Weiterbildung wurde ich plötzlich stutzig. Es hiess: „Resilienz bedeutet, dass man nach einer Krise wieder in den Ursprungszustand zurückkehrt.“
Und ich dachte: Moment. Was? Ich will doch gar nicht, dass meine Klient*innen einfach wieder so werden wie vorher. Ich wünsche ihnen, dass sie wachsen. Lernen. Sich weiterentwickeln. Nicht nur zurückspringen – sondern ihren eigenen Weg finden.
Das Wort, das alle falsch verwenden
Resilienz klingt gut – und wird heute oft im positiven Sinn verwendet. Viele verstehen darunter die Fähigkeit, mit Belastungen gut umzugehen. Doch die ursprüngliche Bedeutung kommt aus der Werkstoffkunde: Ein Gummiball wird gedrückt – und springt in seine Form zurück. → Er verändert sich nicht. Er ist einfach wieder „wie vorher“.
Aber wollen wir das wirklich für unsere Kinder? Für uns selbst?
Ich glaube: Nein.
Was ich eigentlich meine – und du vielleicht auch
Ich begleite Kinder und Jugendliche, die vieles mitbringen: Wut, Ängste, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Überforderung. Aber mein Ziel ist nicht, sie einfach wieder „funktionsfähig“ zu machen. Ich möchte sie spüren lassen, was in ihnen steckt. Ich möchte, dass sie erfahren, dass sie trotz allem – oder gerade deswegen – wachsen dürfen.
Was ich meine, ist:
- nicht nur aushalten,
- sondern verwandeln
- nicht nur überleben,
- sondern neue Seiten entdecken
Und genau dafür gibt es ein treffenderes Wort: Prosilienz.
Letzte Woche sass ein 8-jähriger Junge in meiner Praxis, der sagte: „Ich will gar nicht mehr zurück in die Schule – ich schaff das eh nicht mehr.“ Gemeinsam haben wir seine innere Stärke sichtbar gemacht. Nicht durch Mut zusprechen allein – sondern durch Spüren. Durch Erleben. Genau das ist Prosilienz.
Prosilienz – das vergessene Wort, das wir alle brauchen
Prosilienz ist ein Begriff, den ich vor Kurzem zum ersten Mal gehört habe – und er hat bei mir eingeschlagen wie ein Blitz. Pro bedeutet: vorwärts, nach vorn gerichtet, entwicklungsorientiert. Prosilienz meint: Ich gehe durch eine Krise – und werde jemand, der ich vorher noch nicht war. Ich wachse daran – innerlich wie äusserlich. Ich entwickle neue Kraft. Ich finde neue Wege.
Genau das wünsche ich den Kindern, die zu mir in die Praxis kommen. Und auch den Eltern, die sich fragen: „Wie schaffen wir das als Familie?“ „Wie kann ich mein Kind stark machen – ohne es hart zu machen?“
Resilienz oder Prosilienz? Ein Vergleich
Resilienz:
- Zurück in den Ursprungszustand
- Aushalten, durchstehen
- „Ich funktioniere wieder“
Prosilienz:
- Entwicklung zu etwas Neuem
- Umgestalten, wachsen
- „Ich bin gewachsen daran“
Wie Eltern Prosilienz im Alltag stärken können
- Lass dein Kind kleine Entscheidungen selbst treffen
- Zeig ihm, dass Fehler dazugehören
- Frag öfter: „Was hast du gelernt?“ statt „Hat’s geklappt?“
- Achte auf deinen Blick: Siehst du sein Potenzial – oder seine Leistung?
Eltern müssen keine Superheld*innen sein. Oft reicht schon ein Moment echten Zuhörens, um innere Stärke wachsen zu lassen.
Deshalb ändere ich mein Vokabular
Ich werde ab jetzt bewusster sprechen. In meiner Praxis, in meinem Podcast, in meinen Blogbeiträgen. Wenn du also das nächste Mal von einer „Resilienz-Übung“ liest, wirst du vielleicht stattdessen lesen:
„Diese Übung stärkt die Prosilienz deines Kindes – sie hilft ihm, sich innerlich weiterzuentwickeln.“
Auch meine Baum-Metapher bekommt eine neue Tiefe. Denn dieser Baum hält nicht einfach nur stand – er wächst nach jedem Sturm weiter. Anders. Bewusster. Lebendiger.
Und du?
Vielleicht verwendest du das Wort Resilienz bisher ganz selbstverständlich. So wie ich. Vielleicht denkst du auch: «Das ist doch etwas Gutes!» Und ja – das ist es. Aber vielleicht spürst du jetzt beim Lesen, wie viel mehr möglich ist, wenn wir unsere Kinder nicht nur zurückbringen, sondern sie ermutigen, über sich hinauszuwachsen.
Dann sprich doch mit mir von Prosilienz.
🎧 Vielleicht möchtest du die Baum-Übung direkt mit deinem Kind ausprobieren. Du findest sie in meinem Podcast „Starke Wurzeln, grosse Flügel“ oder als Anleitung im Ratgeber.
💚 Wenn du das Gefühl hast, dass dein Kind im Moment etwas mehr Unterstützung braucht, erfährst du hier mehr über meine kinesiologische Begleitung für Kinder und Jugendliche. Gemeinsam schaffen wir einen Raum, in dem Kinder ihre Stärken entdecken und mit mehr Vertrauen ihren eigenen Weg gehen können.
➡️ Zur Kinesiologie für Kinder & Jugendliche