ADHS bei Kindern und Reifeentwicklung – warum das Alter eine Rolle spielt

Diskrepanz der Reif und ADHS Jetzt Hilfe durch Kinesiologie in Raum Winterthur Kathrin Senn

Kinder mit ADHS entwickeln sich – wie alle Kinder – nicht in jedem Bereich gleich schnell. Gleichzeitig können Unterschiede in Reife, Selbstregulation und motorischer Entwicklung beeinflussen, wie ein Kind im Alltag erlebt wird.

In meiner kinesiologischen Praxis in Elsau bei Winterthur begleite ich Kinder mit und ohne ADHS-Diagnose dabei, ihren Körper besser wahrzunehmen, mit Stress und Unruhe umzugehen und Entwicklungsschritte zu unterstützen.

In diesem Beitrag möchte ich besonders auf zwei Themen schauen: das relative Alter innerhalb einer Schulklasse und frühkindliche Reflexmuster. Beides kann beim Blick auf Entwicklung interessant sein – ohne daraus vorschnell eine ADHS-Diagnose oder umgekehrt einen Ausschluss von ADHS abzuleiten.

Warum jüngere Kinder häufiger eine ADHS-Diagnose erhalten – und wie du dein Kind beim Reifeprozess unterstützen kannst

Dein Kind wirkt unruhig, impulsiv oder hat Mühe, sich zu konzentrieren – und du fragst dich, ob das ADHS sein könnte?

Studien zeigen, dass Kinder, die innerhalb ihrer Schulklasse zu den Jüngsten gehören, häufiger eine ADHS-Diagnose erhalten als ihre älteren Mitschülerinnen und Mitschüler.

Das bedeutet nicht, dass diese Kinder kein ADHS haben. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, Verhalten auch im Zusammenhang mit Alter, Entwicklungsstand und Anforderungen des Umfelds zu betrachten.

Ein Kind, das fast ein Jahr jünger ist als andere Kinder derselben Klasse, kann beispielsweise bei Impulskontrolle, Aufmerksamkeit oder Selbstregulation noch an einem anderen Punkt seiner Entwicklung stehen.

 

1. Warum jüngere Kinder einer Klasse häufiger eine ADHS-Diagnose erhalten

Dieser Zusammenhang wird als Relative-Age-Effekt bezeichnet.

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse, in die 31 Studien zu ADHS einflossen, bestätigt diesen Effekt: Kinder, die innerhalb ihres Schuljahrgangs zu den Jüngsten gehörten, erhielten häufiger eine ADHS-Diagnose und auch häufiger ADHS-Medikamente als relativ ältere Kinder.

Im Durchschnitt war das relative Risiko für eine ADHS-Diagnose bei den jüngeren Kindern rund 38 % höher. Die Stärke dieses Effekts unterschied sich allerdings zwischen den einzelnen Studien.

Warum könnte das eine Rolle spielen?

  • Zwischen dem jüngsten und dem ältesten Kind einer Klasse kann fast ein ganzes Entwicklungsjahr liegen.
  • Fähigkeiten wie Impulskontrolle, Aufmerksamkeit und Selbstregulation entwickeln sich über viele Jahre.
  • Verhalten wird in der Schule zwangsläufig auch im Vergleich mit gleichaltrigen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden wahrgenommen.

Interessant ist zudem, dass sich der Relative-Age-Effekt in Studien stärker bei Einschätzungen durch Lehrpersonen als durch Eltern zeigte.

👉 Für mich bedeutet das nicht: „Das Kind hat bestimmt kein ADHS.“

Es bedeutet vielmehr: Das relative Alter und der Entwicklungsstand gehören in eine sorgfältige Betrachtung des Kindes hinein.

Eine ADHS-Diagnostik sollte deshalb nie allein auf dem Eindruck beruhen, dass ein Kind im Vergleich zu seiner Klasse besonders unruhig, impulsiv oder unkonzentriert wirkt.

 

2. Frühkindliche Reflexe – ein weiterer Blick auf Entwicklung

Frühkindliche Reflexe sind automatische Bewegungsreaktionen, die in der frühen Entwicklung eine wichtige Funktion haben. Mit zunehmender Reifung des Nervensystems treten diese Reaktionsmuster normalerweise immer mehr in den Hintergrund und werden in willkürliche Bewegungsabläufe integriert.

Bei manchen Kindern lassen sich solche Reflexmuster auch später noch beobachten.

Das Thema wird zunehmend wissenschaftlich untersucht. Studien finden Zusammenhänge zwischen persistierenden frühkindlichen Reflexen und verschiedenen Bereichen der motorischen und kognitiven Entwicklung.

Auch speziell bei ADHS gibt es erste Forschung: Eine Meta-Analyse fand Zusammenhänge zwischen ADHS und dem persistierenden asymmetrisch-tonischen Nackenreflex (ATNR) sowie dem symmetrisch-tonischen Nackenreflex (STNR).

Wichtig ist dabei die Einordnung:

Ein Zusammenhang bedeutet nicht, dass ein persistierender Reflex ADHS verursacht.

Die bisherige Forschung ist noch begrenzt und kann nicht beantworten, ob Reflexmuster eine Ursache, eine Begleiterscheinung oder Teil eines komplexeren Entwicklungsbildes sind.

In meiner kinesiologischen Arbeit können frühkindliche Reflexmuster deshalb ein Teil meiner Beobachtung des Kindes sein.

Je nach Kind schaue ich beispielsweise auf:

  • Bewegungsabläufe und Koordination
  • Überkreuzen der Körpermitte
  • Haltung und Stabilität
  • Körperwahrnehmung
  • Reaktionen auf Bewegung oder Berührung
  • Zusammenspiel von Bewegung, Aufmerksamkeit und Anspannung

Dabei können unter anderem Reflexmuster wie Moro, ATNR, STNR oder Spinal-Galant eine Rolle spielen.

Ein auffälliges Reflexmuster ist für mich jedoch kein ADHS-Test und erklärt nicht automatisch die Schwierigkeiten eines Kindes.

Wenn sich solche Muster zeigen, können wir in der Kinesiologie mit passenden Bewegungs- und Körperübungen daran arbeiten. Ziel ist dabei, die sensomotorische Entwicklung, Körperwahrnehmung und Selbststeuerung des Kindes zu unterstützen.

 

3. Und was ist mit Dopamin & Co.?

Natürlich spielen auch biologische Prozesse und Botenstoffsysteme im Gehirn bei Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Motivation eine Rolle.

Besonders Dopamin und Noradrenalin sind im Zusammenhang mit ADHS gut untersucht. Dabei ist die Vorstellung eines einfachen „Dopaminmangels“ allerdings zu kurz gegriffen.

Mehr darüber und auch darüber, wie ich die Verbindung zwischen Stressregulation, Nervensystem und meiner kinesiologischen Arbeit einordne, findest du im ersten Beitrag dieser Reihe:

ADHS-Symptome bei Kindern – Was tun, wenn keine Diagnose gestellt wird?“  

 

4. Wie du dein Kind gezielt unterstützen kannst

✅ Feste Strukturen und klare Routinen

Ein strukturierter Alltag mit wiederkehrenden Abläufen gibt Kindern Sicherheit – besonders denen, die leicht abgelenkt sind oder viel Energie haben. Rituale wie ein ruhiger Start in den Tag, feste Hausaufgabenzeiten oder eine klare Abendroutine. Wiederkehrende Abläufe geben Orientierung und können es dem Kind erleichtern, sich auf den nächsten Schritt einzustellen

✅ Spielen und exekutive Funktionen

Spielen ist weit mehr als Zeitvertreib. Viele Spiele fordern ganz nebenbei Fähigkeiten, die Kinder auch im Schulalltag brauchen – sogenannte exekutive Funktionen.

Dazu gehören unter anderem:

  • Aufmerksamkeit bei einer Sache halten

  • Impulse bremsen und abwarten

  • sich Regeln merken

  • Informationen kurzfristig im Kopf behalten

  • flexibel reagieren, wenn sich etwas verändert

  • planen und Entscheidungen treffen

  • mit Frust umgehen, wenn etwas nicht so läuft wie gewünscht

Gerade für Kinder, denen Konzentration, Impulskontrolle oder flexibles Umdenken schwerfallen, finde ich spielerische Erfahrungen besonders wertvoll. Denn beim Spielen steht für das Kind nicht das „Trainieren“ im Vordergrund. Es darf ausprobieren, Fehler machen, lachen, verlieren, nochmals versuchen – und fordert dabei ganz nebenbei verschiedene Fähigkeiten.

Je nach Spiel stehen unterschiedliche Bereiche im Vordergrund. Memory fordert beispielsweise Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis, bei Halli Galli braucht es schnelle Wahrnehmung und gleichzeitig Impulskontrolle, und bei UNO müssen Regeln, Karten und Veränderungen im Spiel laufend im Blick behalten werden.

Dabei geht es nicht darum, aus jedem Spiel eine Förderlektion zu machen. Gerade das gemeinsame Spielen, die Freude und die Beziehung sind ein wichtiger Teil davon.

👉 Noch mehr dazu, warum Spielen Kinder stärkt und welche Fähigkeiten dabei ganz nebenbei gefordert werden, findest du in meinem Ratgeber „Spielen macht Kinder stark“.

✅ Stress reduzieren und Ruhe langsam kennenlernen

Viele Kinder mit grossem Bewegungsdrang, starker Impulsivität oder innerer Unruhe haben Mühe, sich überhaupt auf Ruhe einzulassen.

Für manche Kinder fühlt sich Ruhe zunächst ungewohnt oder sogar unangenehm an. Wenn der Körper lange auf Aktivität eingestellt ist, kann „nichts tun“ erst einmal schwieriger sein, als es von aussen aussieht.

Deshalb gilt für mich oft: Weniger ist mehr.

Eine kurze Fantasiereise, ein bewusster Atemzug, ein paar Sekunden Stille oder eine ruhige Bewegung können ein guter Anfang sein. Entspannung muss nicht sofort zehn Minuten dauern.

Jeder kleine Moment, in dem sich der Körper kurz reguliert, ist ein Fortschritt. Mit der Zeit kann das Kind immer besser wahrnehmen: Was hilft mir, wenn ich unruhig werde? Was tut mir gut? Wie merke ich, dass mein Körper langsam wieder zur Ruhe kommt?

Dabei geht es nicht darum, ein lebhaftes Kind möglichst ruhig zu machen. Es geht darum, ihm zusätzliche Möglichkeiten mitzugeben, seinen eigenen Zustand wahrzunehmen und bei Bedarf beeinflussen zu können.

Manchmal darf daraus ganz langsam die Erfahrung entstehen:

„Ich darf still sein – und es fühlt sich sicher an.“

✅ Frühkindliche Reflexmuster mit einbeziehen

Wenn sich bei einem Kind persistierende frühkindliche Reflexmuster zeigen, können wir diese in der kinesiologischen Arbeit mit einbeziehen.

Mit passenden Bewegungs- und Körperübungen arbeite ich gezielt an den Bereichen, die sich beim Kind zeigen – beispielsweise Koordination, Körperwahrnehmung, Stabilität oder Bewegungssteuerung.

Dabei geht es nicht darum, aus einem Reflexbefund eine ADHS-Erklärung zu machen. Er kann aber ein weiterer Hinweis darauf sein, wie sich die sensomotorische Entwicklung dieses Kindes im Moment zeigt.

✅ Geduld und Vertrauen

Kinder reifen unterschiedlich schnell. Sie brauchen nicht nur Förderung, sondern auch unser Vertrauen – dass Entwicklung nicht bei allen Kindern im gleichen Tempo stattfinden muss.

Manchmal macht bereits der Blick auf das individuelle Entwicklungstempo einen wichtigen Unterschied.

 

5. Fazit: Entwicklung braucht Zeit – und passende Unterstützung

Kinder mit ADHS gehen ihren eigenen Entwicklungsweg. Gleichzeitig können Alter, Reife, Stress, motorische Entwicklung und die Anforderungen des Umfelds beeinflussen, wie stark Schwierigkeiten im Alltag sichtbar werden.

Mehr Zeit allein lässt ein ADHS nicht einfach verschwinden. Aber ein genauer Blick auf die Entwicklung kann helfen, ein Kind besser zu verstehen und die Unterstützung gezielter auszurichten.

In meiner Praxis in Elsau bei Winterthur begleite ich Kinder mit und ohne ADHS-Diagnose unter anderem bei Themen wie Körperwahrnehmung, Selbstregulation, Konzentration, Stress, motorischer Entwicklung und Selbstvertrauen.

Wenn sich frühkindliche Reflexmuster zeigen, können auch diese Teil unserer kinesiologischen Arbeit sein.

Ziel ist nicht, das Kind möglichst ruhig oder angepasst zu machen. Ziel ist, es in seiner Entwicklung so zu unterstützen, dass es seinen Körper und seine eigenen Reaktionen besser kennenlernt und im Alltag mehr Möglichkeiten zur Verfügung hat.

Zusammengefasst:

  • Das relative Alter innerhalb einer Klasse kann beeinflussen, wie das Verhalten eines Kindes wahrgenommen und eingeordnet wird.
  • Frühkindliche Reflexmuster können ein interessanter Teil des Entwicklungsbildes sein.
  • Ein Reflexbefund beweist weder ADHS noch schliesst er ADHS aus.
  • In der Kinesiologie können wir mit Bewegung, Körperwahrnehmung, Stressregulation und den individuellen Ressourcen des Kindes arbeiten.
  • Eine sorgfältige ADHS-Abklärung und eine kinesiologische Begleitung müssen kein Widerspruch sein.

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Welche Rolle könnten Reife und Entwicklung bei deinem Kind spielen?

Jüngere Kinder einer Klasse können gegenüber älteren Mitschülerinnen und Mitschülern einen spürbaren Entwicklungsunterschied haben. Auch motorische Entwicklung, Körperwahrnehmung oder persistierende frühkindliche Reflexmuster können zusätzliche Aspekte sein, die es sich anzuschauen lohnt.

Das bedeutet weder, dass eine ADHS-Diagnose falsch sein muss, noch dass jedes unruhige oder unkonzentrierte Kind ADHS hat.

Es lohnt sich, das ganze Kind anzuschauen.

Kinesiologie kann dabei eine Möglichkeit sein, mit dem Kind an den Bereichen zu arbeiten, die ihm im Alltag tatsächlich Schwierigkeiten bereiten.

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Quellenhinweis

Der sogenannte Relative-Age-Effekt ist inzwischen in zahlreichen Studien untersucht worden. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse bestätigt, dass relativ jüngere Kinder eines Schuljahrgangs häufiger eine ADHS-Diagnose erhalten und häufiger ADHS-Medikamente verschrieben bekommen.

Relative Age / ADHS:

Frisira, E., Holland, J. & Sayal, K. (2025). Systematic review and meta-analysis: relative age in attention-deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder. European Child & Adolescent Psychiatry, 34, 381–401. https://doi.org/10.1007/s00787-024-02459-x

Die Studie wurde bereits am 20. Mai 2024 online veröffentlicht, erschien aber im Band 34 des Jahres 2025

Frühkindliche Reflexe und ADHS:

Wang, M., Yu, J., Kim, H.-D. & Cruz, A. B.
Attention deficit hyperactivity disorder is associated with (a)symmetric tonic neck primitive reflexes: a systematic review and meta-analysis.
Frontiers in Psychiatry, 2023.

Frühkindliche Reflexe und motorische/kognitive Entwicklung:

Provazník, A. et al.
Persisting primitive reflexes and motor and cognitive development in children: A systematic review.
Acta Psychologica, 2026.